Das erste Autoshooting von René Staud: ein Beach Buggy 1972 fotografiert auf Fuerteventura

Mein erster Autoshoot

Mit einem Shooting auf einer abgelegenen, kleinen Atlantikinsel vor genau 50 Jahren fing alles an: Meine Bilder landeten in sämtlichen Reiseprospekten, Fuerteventura wurde zum Urlaubsziel – und durch den „Sprung über die Dünen“ war ich Autofotograf.

Mein erstes professionelles Autoshooting kam durch einen glücklichen Zufall zustande, als ich 21 war. 

Ich hatte damals meine Ausbildung zum Fotografen schon abgeschlossen und arbeitete in einem Fotostudio in Stuttgart, Foto Krauss, wo ich vor allem Passfotos gemacht und Filmrollen verkauft habe.

Da kam eines Tages ein Kunde ins Geschäft – es war 1972, genau vor fünfzig Jahren – und verlangte nach der teuersten Kamera, die wir führten. „Das Beste, was Sie auf Lager haben – und alles Zubehör.“

Das gab für mich natürlich eine ordentliche Provision, also habe ich ihm das Teuerste zusammengepackt, was wir da hatten. Eine Kamera, die im Grunde viel zu professionell und viel zu teuer war für dieses Geschäft. 

Foto Krauss war zwar ein gutes Fotogeschäft, aber eigentlich für gute Amateure – nicht für Profis. Und da hatten wir eine Profikamera, die zum Ladenhüter geworden war. 

Kein Wunder: Sie kostete 25.000 Mark. 

Ein Porsche kostete damals 24.800 Mark – bloß zum Vergleich, was das für ein Geschoss von Kamera war.

Der Kunde bat darum, ich möge ihm die Kamera samt Zubehör auf 14 Uhr in seine Firma bringen. So stand ich also um Zwei in seinem Sekretariat, in dem es geschäftig zuging wie im Film – und wartete. Und wartete. Und wartete.

Bei meinem ersten Shooting auf Fuerteventura

»Das Beste, was Sie auf Lager haben – und alles Zubehör.«

Mein Chef war sowieso schon genervt gewesen, dass der Kunde die Kamera nicht gleich bezahlt und mitgenommen hatte und ich sie ihm bringen sollte. Und als ich dort im Sekretariat saß und die Minuten verstrichen, kam ich schon langsam ins Schwitzen. 

Ich malte mir aus, dass im Fotogeschäft schon alle auf mich warten würden, und der Scheck war nicht da, und vielleicht würden die denken, ich sei mit dem Scheck getürmt… 

Jedenfalls kam der Mann nach einer Stunde aus seinem Vorstandsbüro und sagte bloß im Vorbeigehen: „Ach, Sie sitzen immer noch da. Ich hab jetzt keine Zeit… kommen Sie mal geschwind mit mir ins Auto runter.“

Und ich rannte neben ihm her runter in die Garage und saß plötzlich in seinem Opel V8 Diplomat, mit dem ganzen Kartonmist auf dem Schoß, und da sagte er: „Versuchen Sie jetzt bitte nicht, mir die Kamera zu erklären, ich muss noch Gespräche führen“.

(Er hatte damals schon ein Autotelefon, die Nummer habe ich bis heute im Kopf – 58243. Damals musste man im Fernmeldeamt anrufen, „Hallo, Fernmeldeamt, machen Sie mir bitte eine Leitung nach Sowieso“.)

Zwanzig Minuten später standen wir am Flughafen, vor uns ging eine Schranke hoch und da schaue ich zu diesem Riesenflieger hoch, seinem Privatjet, und frage ihn: Wo soll ich jetzt die Kamera hinlegen? 

„Labern Sie nicht lang rum, bringen Sie die Kamera hoch“, meinte er, und ich weiß nicht, wie’s passiert ist, jedenfalls sind irgendwann die Türen zu, die Triebwerke gehen an, der Flieger hebt ab, und vier Stunden später landen wir irgendwo im Atlantik auf einer Insel, die in Deutschland kein Mensch kannte.

Unterwegs hatte ich natürlich Zeit gehabt, alles schön herzurichten, Filme einzulegen und so weiter, und nach zwei Stunden kam der Kunde zu mir und meinte: „Wissen Sie was, Sie können das doch viel besser bedienen, machen Sie doch die Fotos.“

Denn dieser Kunde war ein Visionär – wie heute Elon Musk.

Dieser Mann hatte sich vorgenommen, eine kleine, unbekannte Insel im Atlantik, kurz vor der Küste Afrikas, für den Tourismus zu erschließen.

Wir bauen den Flughafen aus, wir errichten Hotels, wir erschließen das. Das war sein Plan. 

Und so brachte dieser Mann 1972 die ersten Menschen zum Urlaub auf Fuerteventura.

Bei Ausstieg aus dem Flugzeug auf Fuerteventura

»Labern Sie nicht lang rum, bringen Sie die Kamera hoch.«

Ich hab es gar nicht erst probiert. Ich bin nie wieder in das Fotogeschäft. Stattdessen habe ich mich über Umwege bemüht, zum Besitzer der Filialkette zu kommen. Herr Dr. Krauss, kündigte ich an, ich komme zum Beichten. 

Ich bekam sofort einen Termin. Und da saß ich dann, mit meiner sonnenverbrannten Haut, die sich überall abschälte – weil natürlich hatte ich auf Fuerteventura keine Sonnenkrem dabei gehabt, als ich so spontan mit dem Entwickler losgeflogen war.

„Jetzt bin ich gespannt“, sagte Dr. Krauss.

Ich habe ihm einfach erzählt, wie es gewesen ist, und er hat mich netterweise sofort von meinem Arbeitsvertrag freigestellt. Meine Geschichte hat ihm gefallen – wir sind darüber Freunde geworden, bis zum heutigen Tag.

Hotels auf Fuerteventura

»Wie kriegen wir denn jetzt coole Leute her?«, fragte er. Und ich sagte, indem wir coole Aktionen anbieten.

Auf Fuerteventura ging es so weiter, dass ich mit dem Immobilienentwickler unterwegs war und Grundstücke fotografiert habe, und als die ersten achtzig Appartements standen, fragte er, wie kriegen wir denn jetzt coole Leute her? Und ich sagte, indem wir hier coole Aktionen anbieten. 

Los ging’s zu Weihnachten, mit dem „größten Tannenbaum der Welt“. Es war natürlich nicht der größte, weil in den Frachtraum der Maschine bloß sechs Meter achtzig reingingen, aber egal – ich hab mit der Condor einen Weihnachtsbaum da runtergeflogen, und wir haben Weihnachten gefeiert, unter der Sonne bei 30 Grad.

Neben dem eigentlichen Weihnachtsfest brauchten wir natürlich noch mehrere Highlights, deshalb habe ich vorgeschlagen, am ersten Weihnachtsfeiertag fahren wir mit dem Hotelbus in eine einsame Bucht zum Muschelessen – was insofern gelogen war, als auf Fuerteventura damals jede Bucht einsam war.

René Staud am Strand von Fuerteventura

»Mir war gleich klar: Wir brauchen einen Buggy, für diese Dünen.«

Aber wir fuhren tatsächlich zu einer Bucht und waren alle knietief im Wasser und haben an den Felsen Muscheln gesammelt, und dann haben wir ein Lagerfeuer gemacht, und wir hatten Körbe mit Geschirr und Gewürzen und Frischwasser dabei, und so haben wir einen Sud gemacht und die Muscheln da drin gekocht. Und dazu gab’s schön kühlen Weißwein mit Eiswürfeln – die Leute sind vor Begeisterung durchgedreht.

Dann kam das Windsurfen. Windsurfen war erst wenige Jahre zuvor aufgekommen, und wir haben uns für Fuerteventura Bretter besorgt, ein paar Profis geholt, den Urlaubern beigebracht, wie man surft – und die coolen Surfbilder in den nächsten Reiseprospekt getan. 

Ich habe also einerseits mit den Leuten vor Ort Ideen entwickelt und andererseits von allem Bilder gemacht. Und mit denen haben die Anbieter dann Werbung gemacht. 

Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, heute gibt es ja von allem Bilder. Aber damals, von Fuerteventura, gab es noch überhaupt kein Bildmaterial. Niemand wusste in den 70er Jahren überhaupt, wo und was Fuerteventura ist.Und dann kamen die Dünen.

Es gab da so tolle Dünen, das ist unglaublich. Echte Wanderdünen… sowas hatte ich noch nie gesehen. Mir war gleich klar: Wir brauchen einen Buggy, und mit dem fahren wir über die Dünen.

Dass man über die Dünen mit dem auch springen konnte, hab ich auch erst ein halbes Jahr später erfahren.

So lange hat es gedauert, bis der Beach Buggy dort unten war.

Von der Firma ist sofort jemand los und hat diesen Buggy aus Belgien gekauft. Und dann musste man den ja erstmal dort runterbringen.

Es gab damals noch kein Handy, nicht mal Telefax, nur Telex und Richtfunk, und man musste den Buggy gefühlt drei Tage lang nach Sevilla oder Cadiz in Südspanien runterfahren und dann mit der Fähre nach Gran Canaria, und dann tagelang warten, bis es von dort eine Fähre gab nach Fuerteventura, und dort dann nochmal zwei Tage irgendwo warten, bis die eine Tankstelle auf hatte, weil das Tankschiff nicht kam… das war schon ein Abenteuer.

»Es hat ein halbes Jahr gedauert, den Buggy auf die Insel zu bringen.«

Der „Sprung über die Düne“ von 1972 wurde mein erstes professionelles Autobild.

Das hat der Insel schon Auftrieb gegeben. Ich habe meine Fuerteventura-Bilder damals in jedem Reiseprospekt gesehen, man konnte dann auch gleich über Karstadt, Kaufhof, Neckermann buchen. Die Insel war dann überall im Programm. 

Das war für mich eine tolle Geschichte, und ich habe damals dann auch in Anstellung für den Entwickler gearbeitet. Ich hatte sein vollstes Vertrauen und habe tolle Sachen erlebt. Das ist eine Zeit, die mich sehr geprägt hat.

»Meine Fuerteventura-Bilder landeten in sämtlichen Reiseprospekten, und der „Sprung über die Düne“ wurde mein erstes professionelles Autobild.«

Ein Porträt von René Staud

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